Ba H 6/34 [38]
Hannover den 3tn December 1875
Lieber Freund Uhde!
Seit wenig Tagen fühle ich mich wieder heiter und bin wieder lebensfroh und können Sie sich nun auf
einen Schwall von Schreibereien von mir gefaßt machen. Es schlägt eben 8 / Abend / auf dem letzten Uhrenstück.
das ich meinem jetzigen Haushalt angefügt und wissen wir nun was die Glocke geschlagen, was wir Am Bokemale
bis jetzt oft schwer erforschen konnten, da die liebe Sonne sich seit vielen Tagen hinter Schneewolken verkriecht, die
die Erde reichlichst mit hohen Schneeteppich bedeckt haben. Mir gefällt der Winter auch und scheint er uns
dieses Jahr mit mit seinen Eigenschaften reichlich beschenken zu wollen. Nun eine recht erfreuliche Geschichte
Gestern kam ein riesiger, kräftiger Gendarmen Wachtmeister, in vollster Galla, und berichtete mir mit fei=
erlich gestellter Rede, daß die Loge der Hermanns Söhne in der Sct Francesko Loge N1 ihm beauftragt, mir ihren
Gruß mit einem Schreiben :/ im Hannoverschen Courier zu lesen, den Sie zu lesen halten /: zu überreichen. Im
Briefe ward mir angezeigt, daß ich zum Ehrenmitglied dieser Loge, mit einem gemalten Diplom, einstimmig ernannt sei; zugleich schickte
mir die Loge einen wirklich sehr schönen und werthvollen Stock, auf den ich mich stützen solle – Gott lob!
das Stützen ist noch nicht nöthig, die kräftige Stütze ist mir aber ein liebes Geschenk und ein erhebendes
Zeugniß, daß unser Volk gleich gesinnt, auch in weitesten Fernen, gut deutsch ist und bleiben will. Der
Loge Bemühen ist Deutschthum zu erhalten und durch Bruderliebe sich wechselseitig zu stützen. Die mitgeschickten
Statuten der Loge sind klar und gut. – Ist wohl Freimauererei dabei
Ich werde Ihnen Begebnisse, in meinem Leben, die ein abgerundetes Bild geben, so wie sie mir klar einfallen schreiben,
sie können dann im Laufe der Geschichte eingefügt werden; ich werde das schon deßhalb thun, weil ich sie ohne
alle Rücksichtnahme geben will und ich es Ihnen dann überlasse, dasjenige darin zu geben und zu streichen, was, ohne
jemand vor den Kopf zu stossen, gegeben werden darf. Ich werde darin alle Namen nennen, von denen aber viele
nicht gut genannt werden dürffen und versteht es sich, daß diese Aufzeichnungen unter uns bleiben müssen.
Gestern erst habe ich die letzten Formbriefe an Hoheiten, Durchlauchten, Excellenzen abgeschickt; die vielen
Ehrenbezeugungen, die mich immer erfreuen; machen mir aber viele Mühen, da ich nicht gewohnt bin in nichts-
sagenden Floskeln meine wahre Liebe und Freude zu umwickeln, wie es eben Jeder zu thun pflegt.

4tn/12 Die Nacht erhöhte den weißen Teppich der Natur, schön aber sehr kalt. –

Als ich im Jahre 1837 das erste große Armins Gypsmodell, 7‘ hoch, in meiner damaligen Werkstatt,
die mir im Königl. Schlosse an der Leinstraße eingeräumt war, vollendet hatte, wünschte ich sie dem Publi=
kum zeigen zu können und suchte dafür bei dem Hofmarschal von Wengenheim um Erlaubniß nach;
es ward mir der Bescheid, daß solche mir nur der König geben könne; ich solle eine Bitte unterlassen, da
Majestät sie mir nicht gewähren werde. Ich wünschte zugleich mit meinem Bittgesuch auch die Majestät zu sehen
und begab mich am nächsten Morgen ins Palais, dem Hause dem Haupteingang des Schlosses in der Leinstraße gegenüber,
Palais genannt, Im Vorzimmer waren eine Menge Offiziere aller Grade, ein paare Adjudanten, Kammerherren und der Minister
Graf Platen, letzterer frug als er mich sah „nun Bandel was wollen Sei beim Könige“ ich theilte ihm meinen Wunsch
mit und auch Platen rieth mir ab, da meine Bitte sicher abgeschlagen werden würde. Ich blieb bei meinem Vorhaben
und ließ mich melden und um Gehör bitten; letzteres ward mir gewährt. Während ein Offizier nach dem andern vorkam,
rollte in Staats Carosse der bayersche Gesandte von Hormeier heran; er erschien in voller Galla einen großen Brief in
der Hand und ließ sogleich um Audiens bitten; er käme im Auftrag des Königs von Bayern ein Kögl. Schreiben zu
überbringen – der H. Lieutenant so und so wurde vorgelassen und weiter andere Offiziere; staunend sah von Hormeier
darein und knüpfte mit mir ein gleichgültiges Gesprech an, während dem mir seine Gesichtsausdrücke zu studieren geben und
viel zu denken brachten und mich, den Fuchs kennend, auf sein Handeln neugierig machten. In dem Augenblick als der